Kooperation einer Schule für Geistigbehinderte mit einer Schule im Sekundarbereich 1
Außenklasse der Johann-Peter-Hebel-Schule Tuttlingen an der
Grund- und Hauptschule Nendingen von 2000 - 2009
1.Rückblick auf die Grundschulkooperation
1.1.Wie alles begann...
Zum Schuljahr 1999/2000 wurde von der JPHS, SfG, die erste Außenklasse an einer Grundschule (Schrotenschule, Tuttlingen) eingerichtet. Initiiert seitens Kolleginnen und Kollegen der Sonderschule und der Grundschule, die miteinander in privatem Kontakt standen und woraus sie die Idee für eine integrative Beschulung entwickelten, konkretisierten und in die jeweiligen Schulen transportierten. Neun Schüler (7m, 2w), die zum großen Teil in einer Klasse ein Jahr zuvor an der Stammschule unterrichtet wurden, bildeten, gemeinsam mit ihrem Klassenlehrer, ergänzt durch einen weiteren, direkt eingeschulten Jungen, die Außenklasse Schrotenschule. Eine Kollegin der SfG komplettierte mit vollem Deputat das Team.
Bereits zum Schuljahr 2000/2001 folgte die Bildung einer weiteren Außenklasse an der Grund- und Hauptschule Nendingen. Entstanden auf massiven Wunsch zweier ortsan-sässiger Familien, die für ihre Kinder mit GB eine Beschulung in der Nendinger Grund-schule anstrebten, um eine bereits im Nendinger Kindergarten begonnene integrative Bildung und Erziehung fortzusetzen. Eine umgehende Beschlussfassung der Lehrer-kollegien der Grund- und Hauptschule Nendingen und der Johann-Peter-Hebel-Schule zugunsten der Außenklasse, sowie eine damals noch vorherrschende große Raumnot an der Stammschule führten zu einer beschleunigten Umsetzung des Vorhabens. Die Räumlichkeiten für die Außenklasse Nendingen wurden in einer ehemaligen Lehrerwohnung (100qm) im Obergeschoss eines Nebengebäudes, dem sog. „Weißen Schulhaus“ der GHS, gefunden, damals noch von einer Familie bewohnt und über die großen Ferien zu einem Klassenzimmer mit Nebenräumen umgebaut. Die Bestückung der Räume mit Mobiliar und einigen Unterrichtsmaterialien, die notwendigen Absprachen zu gemeinsamen Vorhaben innerhalb des Anfangsunterrichtes, ein vorgeschalteter gemeinsamer Elternabend mit der Grundschule, fielen in die erste Schulwoche. Sieben Schüler (6m/1w) bildeten zunächst die Außenklasse Nendingen, im darauffolgenden Schuljahr kamen zwei weitere Schülerinnen hinzu. Nach einem weiteren Schuljahr wechselte ein Junge in eine Förderschule. Verantwortlich eingesetzt für die Außenklasse wurden zwei Fachlehrerinnen, ergänzt durch weitere Fach- und Sonderschullehrerstunden und einen Zivildienstleistenden. Die Außenklassen der JPHS wurden als Ganztagsschulen wie die Stammschule geführt, teilweise verknüpft mit deren Transportmitteln (Taxi, Bus). Die Sicherstellung des Mittagessens erfolgte über eine Nendinger Gaststätte, die die Außenklasse in der Mittagspause aufsucht.
1.2.Handlungsgrundlage der Außenklassenkolleginnen:
"Wir sehen uns als ein gleichberechtigtes, nicht bevorzugtes Mitglied in den bestehenden Strukturen der Grund- und Hauptschule Nendingen. Wir werden uns gemäß unserer Möglichkeiten offen und engagiert in das schulische Geschehen einbringen und zur Bereicherung des Schulalltags beitragen." Innerhalb dieses vorgegebenen Rahmens sind über unterschiedliche Begegnungsanlässe für Schüler mit und ohne Behinderung Möglichkeiten zu schaffen, sich kennenzulernen, miteinander tätig zu werden, gemeinsam und voneinander zu lernen, was zu einer gegenseitigen Beachtung und im günstigsten Fall zu wechselseitiger Wertschätzung führen kann.
- die Regelmäßigkeit gemeinsamen Unterrichtes (mittels Stundenplan ausgewiesen)
- die Regelmäßigkeit getrennten Unterrichtes (lt. Stundenplan) um die Vorgaben des Bildungsplanes erfüllen zu können (GHS) oder dem sonderpädagogischen Förderbedarf des einzelnen Schülers gerecht werden zu können
- gemeinsame Unterrichtsplanung und –vorbereitung, wobei
- die vorrangige Zuständigkeit jeder Lehrerin für ihre Klasse erhalten bleibt, d.h. bzgl. organisatorischer Maßnahmen oder der Vorbereitungung modifizierter Materialien, falls nicht anders lautende Absprachen getroffen wurden, jedoch
- gemeinsame Verantwortung und Zuständigkeit, gleichberechtigtes Agieren aller LehrerInnen im kooperativen Unterricht
- aktive Teilnahme am schulischen Leben
1.4.Kooperationsanlässe, die den regulären gemeinsamen Unterricht ergänzten:
- Projekte mit offenen Unterrichtsformen (Lernen an Stationen) zu Themen vorwiegend aus dem Bereich „Mensch, Natur und Kultur“, Kunstprojekte, jahreszeitliche Unterrichtsinhalte, durchgeführt mit den Kooperationsklassen
- Einzelprojekte auf Einladung von Klassen, die nicht an der regelmäßigen Kooperation beteiligt waren, z.B. Backen zu Weihnachten mit der 8. oder 9. Klasse, Begegnungsprojekte einzelner Klassen
- Freiarbeit nach M.Montessori, wobei die Freiheit in der Wahl des Materiales (Lerngegenstand), des Schwierigkeitsgrades, der Lernpartner und der Beschäftigungsdauer integratives Lernen besonders förderten (ausgewiesen im Stundenplan als regelmäßige unterrichtliche Veranstaltung)
- Wintersporttage und Sommersportfeste als gesamtschulische Veranstaltungen
- Schulprojekttage mit aufgelösten Klassenverbänden
- Veranstaltungsbesuche (Kinderkonzerte, Ausstellungen, Theaterbesuche,etc.)
- Schulgottesdienste
- Teilnahme an Schulfesten und -feiern beider Schulen, mit Beiträgen der Kooperationsklassen
- Einladungen einzelner Klassen in GHS und JPHS
- Jahresausflüge und Wandertage mit Elternbeteiligung
- Grillfeste der Kooperationsklassen, auch gemeinsam mit den Familien
2.Kooperation in der Sekundarstufe der GHS Nendingen
2.1.Übergang von GS-Kooperation in die Sekundarstufe:
Im Verlauf des vierten Schuljahres waren sich Eltern und LehrerInnen der Grundschüler, wie auch der Außenklasse einig, eine wirklich gelungene und erfolgreiche Kooperations-maßnahme an der GHS ihres Wohnortes durchgeführt zu haben. Für die Grundschüler war das Vorhandensein der Außenklasse eine Selbstverständlichkeit, die Schüler mit Behinderung fühlten sich sehr wohl und viele Eltern wünschten sich auch für die Geschwisterkinder der Grundschüler eine solche integrative Maßnahme. Für eine nachfolgende Außenklasse standen jedoch keine neu einzuschulenden Kinder mit entsprechendem Elternwunsch an. Allerdings formulierten die Eltern der bestehenden Außenklasse den dringenden Wunsch, nach einer Weiterführung der integrativen Maßnahme in der Sekundarstufe 1 an der GHS Nendingen, was jedoch den Beschlüssen des Schulträgers und der Schulaufsicht entgegen stand. Über die Aktivitäten einer eigens gegründeten Bürgerinitiative konnte die Überprüfung und Änderung bestehender Beschlüsse erreicht werden und seit dem Schuljahr 2004/2005 wird die Außenklasse Nendingen an der GHS Nendingen in der Sekundarstufe 1 weitergeführt. Eine Fachlehrerin beendete den Dienst in der Außenklasse durch Umzug in einen anderen Schulamtsbezirk. Sie wurde durch eine Kollegin aus der Stammschule ersetzt. Insgesamt 58 Deputatstunden der beiden Fachlehrerinnen standen der Außenklasse zur Verfügung (plus je 1 Verfügungsstunde für Kooperation).
2.2.Hilfreiche Bedingungen für die Kooperationsarbeit
- Die Schüler der Außenklasse verbleiben in „ihrer“ Schule
Die GHS Nendingen ist ihnen seit der Einschulung zunehmend vertraut, woraus eine Sicherheit im Umgang mit den Anforderungen des alltäglichen Schullebens erwuchs. - Schüler und Lehrer der Außenklasse und der Hauptschule waren einander bekannt
Die Schüler mit Behinderung gehörten mit ihren Besonderheiten ganz selbstverständlich zum schulischen Alltag in Nendingen. Diese unstrittige Zugehörigkeit entwickelte sich über die langjährige Wahrnehmung der Anders deartigkeit in unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Situationen, über (geglückte und misslungene ) Kontaktversuche der GHS-Schüler, über das Erleben von Gemeinsamkeiten, über freundschaftliche Kontakte zu einzelnen Schülern mit Handicap, über die Einnahme einer Beschützerrolle gegenüber den Außenklassenschülern, auch über bewältigte Konfliktsituationen mit denselben. Nicht zuletzt spiegelt sie die integrative Haltung der Elternhäuser wider. Drei Familien mit behinderten Kindern leben als Nachbarn, Verwandte, Freunde, Vereinskameraden, etc. im Ort. - Bestehende Lehrerkontakte erleichtern die Zusammenarbeit
Auf der Lehrerebene war durch das jahrelange kollegiale Miteinander eine gute Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit geschaffen, was die Bildung eines Netzwerkes für künftige gemeinsame Aktivitäten wesentlich vereinfachte. - Organisatorische Gegebenheiten, sächliche Ausstattung und die Infrastruktur der Schule sind weitgehend bekannt und erleichtern die Vorbereitung des Unterrichtes.
2.3. Eckpunkte für die künftige Zusammenarbeit:
- Die Außenklasse bleibt weiter in der Zuständigkeit der JPHS
- Die Kooperation mit der Außenklasse ist eine gesamtschulische Aufgabe der Hauptschule, nicht explizit die der einzelnen Klassen
- Die Außenklasse ist gleichwertiges, nicht bevorzugtes Mitglied innerhalb der GHS Nendingen
- Die Nachrangigkeit des Kooperationsunterrichtes gegenüber dem regulären Unterricht ergibt sich aus der größeren Verbindlichkeit des Hauptschul-Bildungsplanes und aus vorgegebenen Pflichtveranstaltungen, z.B. Klassenarbeiten , Projektprüfungen, etc.
- Gültigkeit haben die Bildungspläne der entsprechenden Schulart, wobei deren Einhaltung prinzipiell in der Verantwortung des jeweiligen Lehrers liegt
- Bei grundsätzlicher Gestaltungsfreiheit wird der Stundenplan für den gemeinsamen Unterricht zu Schuljahresbeginn in einer Teambesprechung nach den vorhandenen Möglichkeiten erstellt
2.4. Ausgangslage für den Einstieg in die Kooperation:
In der Grundschule wurde schwerpunktmäßig mit zwei Jahrgangsstufen kooperiert, wovon eine in die Hauptschule übergeführt wurde und eine noch als 4.Klassen in der Grundschule bestand. Es war demnach im ersten Hauptschuljahr der Abschluss der Kooperation mit den 4.Klassen und der kooperationsbezogene Einstieg in die Sekundarstufe 1 der GHS Nendingen zu vollziehen. Partner der Hauptschule war die Kombinationsklasse 5/6. Mit den beiden 4. Klassen arbeiteten wir über einen Zeitraum von 3 Jahren zusammen. Den SchülerInnen der 5. Klasse waren wir seit 4 Jahren als Unterrichtspartner vertraut. Die SchülerInnen der 6. Klasse hatten mit der Außenklasse bislang keine unterrichtlichen Kontakte. Die Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen und Schülern der 4. Klassen gestaltete sich quasi als „Selbstläufer“ bei welchem die Zeiten für unterrichtsbezogene Absprachen inzwischen deutlich reduziert werden konnten. Teamteaching war zur vertrauten Alltagshandlung geworden, die Unterrichtsvorbereitung und –planung erfolgte sehr zielführend, weil routiniert im Ablauf und in guter Kenntnis (Einschätzung) der Leistungsfähigkeit aller Schüler verlaufend. Für die Zusammenarbeit mit der neuen Klasse war die Frage zu stellen, wie sich koope-rativer Unterricht mit einer veränderten Schülergruppe gestaltet, bei der
- sehr viele Schüler mit großen sozialen Kompetenzen in andere weiterführende Schulen gewechselt haben,
- ein Teil der Kooperationsschüler älter (und damit auch in der pubertären Entwicklung und den individuellen Problemstellungen fortgeschrittener) ist als die Außenklassenschüler,
- für die älteren Schüler (6.Kl) die Zusammenarbeit mit den Außenklassenschülern erstmals und verpflichtend stattfindet
3. Darstellung der Kooperation in der Sekundarstufe 1
3.1. Stundenplangestaltung für die einzelnen Schuljahre
(Anlagen mit Erläuterungen zur unterrichtlichen Organisation)
3.2. Vorstellung weiterer Projekte (gemäß Anlage)
3.3. Wie ist Kooperationsunterricht vorzubereiten?
Wir haben die unterschiedlichsten Formen der Vorbereitung gewählt:
- Planung in einer größeren Runde mit allen, an fächerübergreifenden Projekten beteiligten Lehrern,
- Einzelabsprachen mit den für den jeweiligen Fachunterricht zuständigen Lehrern
- wechselnde Vorbereitung des Unterrichtes
- Übernahme der Planung und Vorbereitung für den Fachunterricht durch die Hauptschullehrer, vor allem bei zunehmender Vertrautheit mit den Schülern der Außenklasse
- Nach gemeinsamer Planung sind in der Regel die Außenklassen-Kolleginnen für die Modifizierung und Vorbereitung des Materiales für ihre Schüler zuständig
- Da in der Regel zieldifferent unterrichtet wird, ist die Zielformulierung durch die Außenklassenlehrer zu leisten.
3.4. Wie wird der Kooperationsunterricht gestaltet?
Unterrichtet wird in Groß- und Kleingruppen, in Einzelarbeit, in Partnerarbeit. Offene Unterrichtsformen sind geeigneter als Frontalunterricht und handlungsorientierte, veranschaulichende Unterrichtssequenzen ermöglichen den Schülern mit Behinderung einen längerfristigen konzentrierten Mitvollzug. Außerordentlich motiviert zeigen sich die Schüler der Außenklasse, wenn z.B. Neuntklässler im Unterricht in Kleingruppen- oder Partnerarbeit eine Mentorenrolle übernehmen. Seitens der „Außenklässler“ wird ihnen eindeutig eine Vorbildfunktion übertragen, die deren Anstrengungsbereitschaft deutlich erhöht.
3.5. Wie gestalten sich die Beziehungen der kooperierenden Schüler im Unterricht?
Grundsätzlich ist festzustellen, dass mit der Dauer der Kooperation, d. h. mit dem Grad der Vertrautheit „Assistenzfunktionen“ von den Hauptschülern selbstverständlicher übernommen werden können. Allerdings verringert sich mit der Normalität im Umgang auch der den Außenklassenschülern zugestandene Schonraum. Es gibt eindeutige Vorlieben für die einzelnen Schüler und bei Unterrichtssequenzen mit Wettbewerbscharakter werden Partner nach Abwägung der Erfolgsaussichten gewählt. Gegebenenfalls werden die leistungsstärkeren Schüler der Außenklasse als ganz reguläre Konkurrenten betrachtet und entsprechend behandelt. Die Hauptschüler der neunten Klasse nehmen die Zuordnung der Außenklassenschüler selbstverantwortlich vor, wobei neben der Sympathie auch Aspekte der guten Lenkbarkeit und Anstelligkeit, wie auch der Kommunikationsfähigkeit der Schüler mit Behinderung wesentliche Kriterien darstellen.
3.6. Wie gestalten sich Schülerbeziehungen in außerunterrichtlichen Situationen?
Bei Veranstaltungen, die in größeren Gruppen stattfinden (Sporttage, Theaterbesuche, Museumsbesuche, etc.) sind die Schüler der Außenklassen mit großer Selbstverständlichkeit einbezogen. Sie verhalten sich sehr angepasst und diszipliniert. Vor allem in den Pausen finden sich zahlreiche Möglichkeiten, Schülerbeziehungen zu beobachten. Hauptschüler und Außenklassenschüler etwa gleichen Alters schließen sich zusammen, sprechen miteinander, streiten und bekämpfen sich, messen, necken und beschützen sich. Hier wird den Schülern mit Behinderung kein Schonraum zugestanden, insbesondere unter den Jungen zu beobachten. Außenklassenschüler haben sich verliebt und artikulierten das auch relativ offen, was für die betroffenen Mädchen nicht immer einfach hinzunehmen war. Bei den älteren HauptschülerInnen wird den Schülern mit Behinderung ein Schonraum zugestanden. Selbst bei handgreiflichen Grenzüberschreitungen eines pubertierenden Außenklassenschülers (Po klatschen!) hatten sie Hemmungen, sich mit ihnen gemäßen Mitteln zu wehren und erbaten Hilfe von den Außenklassenlehrerinnen. Es gibt freundliche kurze Gespräche unter den Schülern, wobei sich insbesondere Hauptschülerinnen sehr gut und feinfühlig in ihrer Kommunikation auf die Schüler der Außenklasse einstellen.
Anders verhält es sich bei Kontakten mit den Grundschülern. Einige Außenklassenschüler zeigen sich sehr selbstbewusst, sind vielfach anerkannte und beliebte Spielkameraden, beziehen teilweise andere Schüler in ihr Rollenspiel mit ein, bei welchem das Prinzip der Freiwilligkeit nicht vollständig gewahrt ist und körperliche Überlegenheit eindeutig ausgespielt wird (z.B. Polizeispiele mit Verhaftungen). Zwei Schülerinnen der Außenklasse schaukeln bevorzugt in der großen Pause und halten sich häufiger nicht an die Regelungen für einen Wechsel. Es gibt nur zwei Schaukeln, dennoch gelingt es sehr wenigen Grundschülern, sich mittels nachdrücklicher Handlungsaufforderungen oder gutem Zureden durchzusetzen. Sie sind bspw. den verbalen Einlassungen einer Außenklassen-schülerin selten gewachsen, auch wenn sie den gestisch-mimischen Kommunikations-anteilen mehr Informationen entnehmen können, als den sprachlichen. Erstklässler haben häufig eine ängstlichere Grundhaltung gegenüber den Schülern der Außenklasse. Die Klassenlehrerinnen bieten deshalb eine Unterrichtseinheit mit einer Gesprächs- und Spielrunde an. Dort werden u.a. verbindliche Regeln vereinbart, mittels welchen man sich rasch und eindeutig mitteilen kann. Bei gemeinsamen Interaktions-spielen können die Erstklässler die älteren Schüler mit Behinderung ganzheitlich, also mit ihren Schwächen erleben, was bisher hinsichtlich eines selbstbewußteren Auftretens der Grundschüler und als vertrauensbildende Maßnahme sehr hilfreich war.
3.7. Gibt es außerschulische Begegnungenfelder?
Im Rahmen freundschaftlicher, nachbarschaftlicher Kontakte ihrer Eltern oder verwandschaftlicher Beziehungen, begegnen sich die Schüler aus Nendingen häufiger. Sie spielen miteinander vor den Häusern, besuchen sich zu gemeinsamem Spiel, vor allem, wenn die Schüler der GHS noch jünger sind. In pubertären Entwicklungsphasen suchen sich die Schüler (Hauptschule wie Außenklasse) überwiegend Freunde und Gesprächs-partner mit ähnlichen Interessen und Problemen.
Ein weiteres Begegnungsfeld bieten die örtlichen Vereine oder kirchliche Gruppen. Eine Schülerin besucht die Ropeskipping – Gruppe, die allerdings von ihrer Mutter geleitet wird, zwei Jungen besuchen kirchliche Jugendgruppen. Bei allen Festen innerhalb des Ortes finden Begegnungen statt und Eltern berichten erfreut, wie ihre Kinder mit Behinderung vertraut und freundlich begrüßt werden, auch von ehemaligen Schülern, wie einfachere, den Außenklässlern gemäße, Gespräche statt-finden. Familien von Außenklassenschülern, die nicht im Ort wohnen, nehmen bewusst an diesen Festen teil, um diese Kontakte zu pflegen. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Schüler der Außenklasse verstärkt an Sportangeboten und Kursen (Handball, Schwimmkurse) teilnehmen, wohl weil die Eltern sich besonders um kooperative Angebote für ihre Kinder bemühen oder weil ihnen die erforder-liche Gruppenfähigkeit durch die schulischen integrativen Maßnahmen eher zugetraut wird.
3.8. Wo liegen Entwicklungsmöglichkeiten in der Kooperation?
Wenn sich, bezogen auf die Nendinger Kooperationsmaßnahme, die Chance für eine Wiederholung böte, wären mehrere Vertiefungen und Weiterführungen gemeinsamen Unterrichtes und kooperativer Maßnahmen denkbar.
Der neue Bildungsplan für die Sekundarstufe 1 mit seinem Anspruch auf ganzheitliches, in Vernetzung mehrerer Kompetenzen stattfindendem Lernen und seinem Schwerpunkt auf handlungsorientiertem Lernen weist im Kern in eine Richtung schulischer Bildung, wie sie der Bildungsplan für Geistigbehinderte zwangsläufig vorgeben muss. Der Lebenswelt-bezug in der Themenfindung und -gestaltung für die Fächerverbünde lässt ebenfalls viel Raum für kooperative Unterrichtsgestaltung. Der Fülle an denkbaren und möglichen Anlässen für gemeinsame Unterrichtsangebote steht primär das Maß der zur Verfügung stehenden Zeit entgegen, neben personenabhängigen Faktoren, die für einen gelungenen Kooperationsprozess erfolgsentscheidend sind.
Bezogen auf die integrative Maßnahme in der Nendinger GHS waren und sind durch die Schaffung eines Montessori – Profiles für die Hauptschule viele Kräfte gebunden. Gemäß der Nachrangigkeit kooperativen Unterrichtes gegenüber dem regulären Unterricht galt der Einsatz vorrangig der konzeptionellen Arbeit, der Erarbeitung des Montessori-Materiales, der Umsetzung der Montessori-Prinzipien, für ein entsprechendes Methodentraining, für die Organisation des neuen Unterrichtes.
Bei einem weiteren Ausbau integrativen Unterrichtes in den Fächerverbünden WZG (Welt,Zeit, Gesellschaft), WAG (Wirtschaft, Arbeit, Gesellschaft), MNT (Mensch , Natur, Technik) und MSG (Musik, Sport, Gestalten) ist eine Realisierung gut vorstellbar, besonders dort, wo musisch – gestalterisch - praktische Kompetenzen gefördert werden. Wenn die Unterrichtszeiten von Hauptschule und Außenklasse angeglichen werden könnten, böte sich für die Außenklasse, SchülerInnen und Lehrerinnen, die große Chance, sich an LIPSA - Projekten zu beteiligen, wo häufig die oben genannten Kompetenzen angesprochen werden.
Denkbar wären auch für die letzten beiden Schuljahre, parallel zu der Hauptschule Praktika in diversen Kleinbetrieben anzubieten.
4. Integrative Beschulung
Was können die am Prozess beteiligten Schüler lernen?
4.1. Bedeutung für die Schüler der Außenklasse
- Die Bewältigung des schulischen Alltages stellt in seiner Komplexität hohe Anforderungen an die Schüler, denen, gegenüber dem Schonraum Sonderschule, ein höheres Maß an Flexibilität, zielgerichtetem Handeln und Entscheidungs-fähigkeit abverlangt wird. Dadurch gewinnen sie ein hohes Maß an Selbstän-digkeit. Die sonst feststellbare Abhängigkeit von erwachsenen Bezugspersonen kann vielfach ersetzt werden durch Hilfestellungen von Mitschülern, solange diese erforderlich sind (Hilf mir, es selbst zu tun! Montessori). Das positive Vorbild selbständig handelnder Mitschüler trägt zu einer beschleunigten Verselbständigung bei.
- Durch die große Zahl von Vorbildern können über Nachahmung Kompetenzen leichter erworben werden. Es muss auch gelernt werden, dass Konsequenzen aus (abgeschautem) negativem Verhalten zu tragen sind.
- Durch die vielfältigen Anforderungen seitens der Mitschüler wird die häufig feststellbare Ich – Bezogenheit aufgebrochen zugunsten einer verbesserten Gruppenfähigkeit oder zugunsten der Hinwendung zu einem Lern- oder Spielpartner.
- Auch Außenklassenschüler haben Stärken und sie freuen sich ganz besonders, wenn diese Beachtung und besondere Anerkennung durch die nicht behinderten Mitschüler erfahren. In der Bestätigung und dem Zuspruch wird die Akzeptanz der Mitschüler sichtbar und erlebbar.
- Die Teilnahme am gesamten schulischen Leben führt zur Beachtung der Mitschüler mit Behinderungen. Sie werden wahrgenommen, können sich in das Alltagsgeschehen einbringen und lernen schrittweise, sich zu behaupten und durchzusetzen
4.2. Bedeutung für die Schüler der Sekundarstufe 1
- Im Umgang mit den Außenklassenschülern erwerben die HauptschülerInnen ein Wissen um die Vielfalt menschlichen Lebens. Es ist ihnen möglich, Erfahrungen mit anders strukturierten Menschen zu sammeln und darauf zu reagieren.
- Der selbstverständliche Umgang mit menschlichen Schwächen, die Akzeptanz eines Gegenübers, in der Anerkennung frei von gesellschaftlichen Leistungs-zwängen, ist ein Aspekt vorurteilsfreier Zugehensweise von Menschen mit GB. Diese Erfahrung kann für HauptschülerInnen vorbildhaft für den Umgang mit eigenen Schwächen oder der von Mitschülern sein.
- Durch die Interaktionen mit den Außenklassenschülern erweitern die HauptschülerInnen ihre sozialen und sprachlichen Kompetenzen. Sie lernen Rücksicht und Verantwortung zu übernehmen, geduldiger und toleranter zu sein und im Erwerb größerer Flexibilität erweitern sie letztlich auch ihre Handlungskompetenz.
4.3. Schülerkommentare
In der Grundschule wurden die SchülerInnen einzelner Klassen von ihren Lehrerinnen gebeten, sich zu den Außenklassenschülern schriftlich zu äußern. Häufigere Aussagen waren:
- "Es macht Spaß mit den Mäusekindern zu spielen und zu lernen" (Mäuse ist der Name für die Außenklassenschüler seit der Einschulung und wird von manchen KollegInnen noch tradiert!)
- "Außenklassenschüler sind ganz normale Kinder"
- "Außenklassenschüler können in der Schule auch viel lernen"
- "Wir haben in der Pause viel Spaß, Außenklassenschüler sind nett, lustig, witzig, einige sind laut und frech"
- "Mit einigen Kindern verstehe ich mich gut, mit anderen habe ich Probleme"
- Einige Schüler stören sich daran, dass sie im Sport Rücksicht auf die Schüler mit Behinderung nehmen müssen. Es können nur Spiele ausgewählt werden, die über ein weniger komplexes Regelwerk verfügen. Insbesondere leistungsstarke, sehr sportliche Schüler fühlen sich in heterogenen Gruppen zu stark ausgebremst, wobei sie auch klassenintern die leistungsschwächeren Mitschüler nicht als Partner akzeptieren. "Die Spiele sind manchmal langweilig!"
- "Schade, dass wir nicht immer die ganze Sporthalle für uns haben" (4.Kl.)
Die HauptschülerInnen wurden direkt in der Pause durch eine Lehrerin der Außenklasse befragt, wobei sie ausdrücklich darum gebeten wurden, positive und negative Eindrücke zu benennen.
- Alle Schülerinnen und Schüler betonten, dass sie es gut finden, dass es eine Außenklasse an ihrer Schule gibt
- "Sie sind doch wie wir, ganz normal, bloß ein bisschen anders"
- "Die fallen bei uns gar nicht auf, die verhalten sich doch ganz normal"
- "Sie gehören auch zu unserer Gesellschaft"
- "Sie gehören doch zu uns"
- "Sie sind meine Nachbarn"
- "Die Schüler der Außenklasse können viel von uns lernen"
- "Wir können lernen, wie man anderen Menschen helfen kann, das ist wichtig später für den Beruf"
- "Man lernt im Team zu arbeiten"
- "In der Schule haben die Außenklässler Freunde, sonst wären sie ja Außenseiter"
- "Manchmal sind sie in der Pause grob, spucken, hören nicht zu, schreien so laut"
- "Mit ihnen zu spielen ist cool"
- "Ohne sie wäre die Pause langweilig"
- "Wir würden gerne mehr Ausflüge mit Ihnen machen"
- Auf Nachfrage bestätigten die Schülerinnen der neunten Klasse, dass sie die Übergriffe eines Schülers schon „genervt“ hätten, er aber dieses Verhalten inzwischen nicht mehr zeige (nachsichtiges Lächeln!)
4.4. Meinungen der Eltern
Weshalb wünschten Sie für Ihr Kind die Einschulung in eine Außenklasse?
- Einziges integratives Angebot im Kreis TUT
- damit es von nicht behinderten Kindern lernen kann
- bessere Förderung und Entwicklung durch den Umgang mit nicht behinderten Kindern (positives Vorbild)
- damit es nicht so behütet aufwächst
Wurden Ihre Erwartungen erfüllt?
- Bezogen auf die Integration positiver Bescheid, in einem Fall mit dem Hinweis auf individuelle Grenzen des eigenen Kindes/des Jugendlichen
Welche positiven Erfahrungen verbinden Sie mit dem integrativen Unterricht?
- Größere Sicherheit im Umgang mit nicht behinderten Menschen
- größere Selbstständigkeit und Kontaktfreude, größeres Selbstbewußtsein
- Entwicklung liegt in allen Bereichen über unseren Erwartungen
- Kooperativen Maßnahmen sind für die SchülerInnen mit sehr vielen schönen Erinnerungen und sehr viel Freude verbunden
Welche Erwartungen haben sich, bezogen auf integrative Bildung und Erziehung, nicht erfüllt?
- Wunsch nach mehr außerschulischen, persönlichen Kontakten der Schüler
- es gibt noch keine „echte“ Integration, sie ist noch keine Selbstverständlichkeit, Außenklasse hat „Gaststatus“ an der GHS in Nendingen, jährlichesBeantragungs- und Genehmigungsverfahren , keine gesicherte, ausreichende Lehrerversorgung um möglichen Bildungsziele zu erreichen
Haben Sie noch Wünsche an die Gestalter der Kooperation?
- mehr Kooperation z.B. bezogen auf den Schulsport
- gemeinsame Beschulung müsste Normalität sein (USA)
- Gestaltung der Kooperation findet die vollste Zufriedenheit
Wie soll es nach Beendigung der Kooperation für Ihre Tochter/Ihren Sohn weitergehen?
- großer Wunsch nach Weiterführung integrativer Maßnahmen in Berufs-vorbereitung und späterem Arbeitsleben
- Rückführung zur Stammschule, falls keine weitere Kooperation mehr möglich ist
- Werkstufe der JPHS
- aufgrund fehlender Alternativen: Werkstufe JPHS
4.5. Anmerkungen der beteiligten Lehrerinnen
Der Umgang mit behinderten Menschen wird im schulischen Alltag durchweg als positive und sehr sinnvolle Maßnahme beurteilt. Insbesondere die Form der „Außenklasse“ mit der primären Zuständigkeit von Sonderpädagogen für die Erreichung der Bildungsziele.
Chancen werden gesehen:
- in der Erweiterung und Stärkung der Sozialkompetenz (Rücksichtnahme, Geduld, Toleranz, Verantwortung übernehmen)
- in der Achtung der Andersartigkeit
- Sicherheit im Umgang mit behinderten Menschen
- in der Wertevermittlung: Es ist normal, verschieden zu sein
- die Beobachtung, mit wieviel Tapferkeit, Anstrengung, Ausdauer, Fröhlichkeit die Menschen mit Behinderung ihre Handicaps zu überwinden suchen, kann beispielhaft wirken mit dem Umgang und der Akzeptanz eigener Defizite und Schwächen
Grenzen der Kooperation:
- liegen in vorgegebenen Strukturen (Klassengrößen, Räumlichkeiten, Lehrerversorgung, unterschiedlichen Unterrichtszeiten)
- nicht generell in allen Unterrichtsbereichen möglich
- "echte Freundschaften und Beziehungen" zwischen Menschen mit und ohne Behinderung lassen sich dauerhaft eher nicht über schulische Kooperation entwickeln und halten
Veränderung der persönlichen Einstellung zu Menschen mit Behinderung:
- Es gibt keine "Grenze" zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen. Menschen mit Behinderung sind ganz „normale Menschen“ mit einer individuellen Persönlichkeit, mit individuellen Chancen und Grenzen
- Umgang mit behinderten Kindern wird sehr viel normaler, selbstverständlicher, gelassener
- weniger Berührungsängste und Unsicherheit
- Kennenlernen individueller Stärken und Schwächen ist sehr wertvolle Erfahrung
- Entwicklungsmöglichkeiten, Lernzuwachs, aber auch Grenzen sind beeindruckend
- Mehr Zutrauen in die Leistungskraft der Außenklässler. "Sie sind nicht Last, sondern bereichern das gesamte Leben, unsere Gesellschaft auf ihre Weise"
- Behinderung der Schüler wird als vergleichsweise „gering“ eingestuft
Beeinflussung Schulklima:
- selbstverständlicher, unproblematischer, "normaler" Umgang miteinander
- selbst "Rabauken" kümmern sich bereitwillig und rücksichtsvoll um die Schüler der Außenklasse
- Stärken der Schüler mit Behinderung werden anerkannt
- größere Toleranz, mehr Verständnis und Akzeptanz für Menschen mit Handicaps
- Kooperation ist auch auf Lehrerebene eine sehr fruchtbare Erfahrung, geprägt von intensiver und vertrauensvoller Zusammenarbeit der beteiligten Lehrkräfte
- Individualität der Menschen mit Behinderung bricht den Zwang zur Konformität auf, den Anpassungsdruck, der oft unter den Jugendlichen ohne Behinderung herrscht. Die zeigt auf, dass es auch interessant sein kann, wenn jeder anders ist
Anmerkungen:
- Kooperation wird als Erfolgsmodell mit weiteren Entwicklungsmöglichkeiten gesehen
- Wunsch nach der Durchführung nachfolgender Kooperationsmöglichkeiten mittels Außenklassen, einmal als Chance für nachfolgende SchülerInnen, aber auch für die Lehrerinnen, um erworbene Kompetenzen wieder einsetzen zu können
5. Ausblick – Wie geht es nach Beendigung der Kooperation weiter?
Für die Außenklassenlehrerinnen ist die Vorbereitung einer pädagogisch sinnvollen Rückführung in die Werkstufe der Stammschule primäres Handlungsziel, wobei die Eltern der Außenklasse mit in den Rückführungsprozess eingebunden werden sollen. In welcher Form innerhalb der Werkstufe eine Öffnung in verschiedene Lebensbereiche und in die Berufswelt vorgesehen ist, bleibt den Entwicklungen unter Maßgabe des neuen Bildungsplanes überantwortet.
Tuttlingen, 27. April 2008
Edith Hofferer